Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts
noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst eure Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Anmerkung:
Khalil Gibran wurde am 6. Januar 1883 in Bsharri/Becharre) im Libanon geboren. Er wanderte 1895 mit seinen Eltern nach Boston aus und ließ sich später in New York City nieder. Seine Werke, die sowohl auf Arabisch als auch auf Englisch verfasst sind, sind voller lyrischer Ausbrüche und drücken seine tief religiöse und mystische Natur aus. Das Buch „Der Prophet“ (1923), eine Sammlung poetischer Essays, erlangte unter mehreren Generationen amerikanischer Jugendlicher Kultstatus. Gibran starb am 10. April 1931 in New York City.
