Das philosophische Gedicht Stufen von Hermann Hesse ist eine Betrachtung über Wandel und Neubeginn im Leben. Jede Lebensphase, von der Jugend bis zum Alter, hat ihren eigenen Zauber und ihre eigene Weisheit, und Blüte wie Reife haben ihre Zeit. Wir dürfen bereit sein immer wieder aufzubrechen, Abschied zu nehmen und neu anzufangen. Das Leben verlangt von uns, dass wir uns weiterbewegen und uns auf Neues einlassen, so bleiben wir lebendig. Trennung und Neubeginn tun weh und sind die Voraussetzung für Wachstum. Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht am 04.Mai 1941 nach langer Krankheit. Im Jahre 1943 wurde es zum ersten Mal veröffentlicht im Roman „Das Glasperlenspiel“. Es ist heute Hesses bekanntestes Gedicht.
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse 1941
